Tirzepatid gehört zu den neueren Wirkstoffen für das Gewichtsmanagement. Dieser Beitrag ordnet sachlich ein, wie der Wirkstoff wirkt, wofür er zugelassen ist und welche Nebenwirkungen und Warnhinweise die EU-Fachinformation nennt. Er richtet sich an Erwachsene, die sich vor einem ärztlichen Gespräch informieren möchten.
Das Wichtigste in Kürze
- Tirzepatid aktiviert die Rezeptoren für zwei Darmhormone, GIP und GLP-1, und wird einmal wöchentlich gespritzt.
- In der EU ist der Wirkstoff für Typ-2-Diabetes und für das Gewichtsmanagement bei Erwachsenen mit bestimmten BMI-Werten zugelassen.
- Sehr häufig sind Übelkeit, Durchfall, Bauchschmerzen, Erbrechen und Verstopfung, vor allem zu Beginn und nach Dosiserhöhungen.
- Vor einer geplanten Schwangerschaft soll Tirzepatid mindestens einen Monat vorher abgesetzt werden.
Wie Tirzepatid wirkt
Tirzepatid, der Wirkstoff von Mounjaro, ist ein dualer GIP/GLP-1-Rezeptoragonist. Er bindet an die Rezeptoren von zwei Hormonen, die der Darm nach dem Essen ausschüttet. Dadurch verlangsamt sich die Magenentleerung, das Sättigungsgefühl nimmt zu und die Insulinfreisetzung wird abhängig vom Blutzucker gefördert.
Im Unterschied zu reinen GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid setzt Tirzepatid also an zwei Stellen an. Was das für die einzelne Person bedeutet, lässt sich nicht pauschal sagen. Welcher Wirkstoff im Einzelfall passt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt.
Der Wirkstoff wird einmal wöchentlich unter die Haut von Bauch oder Oberschenkel gespritzt, zu einer beliebigen Tageszeit und unabhängig von Mahlzeiten. Die Behandlung beginnt mit einer niedrigen Dosis, die nach jeweils mindestens 4 Wochen schrittweise erhöht werden kann. Einzelheiten erklärt der Ratgeber zur Dosissteigerung.
Zulassung: Diabetes und Gewichtsmanagement
In der EU ist Tirzepatid zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen und zusätzlich als Ergänzung zu kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung für das Gewichtsmanagement. Dafür gilt bei Erwachsenen ein Ausgangs-BMI ab 30 kg/m² oder ein BMI ab 27 bis unter 30 kg/m² mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung. Genannt werden etwa Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, obstruktive Schlafapnoe, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prädiabetes und Typ-2-Diabetes.
Gewichtsmanagement umfasst laut Zulassung sowohl die Abnahme als auch das Halten des reduzierten Gewichts. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist Tirzepatid zum Gewichtsmanagement nicht zugelassen.
Die Zulassungskriterien sind eine Voraussetzung, aber keine Zusage. Welche weiteren Punkte vor einer Verordnung geprüft werden, beschreibt der Beitrag: Tirzepatid: Für wen eine Behandlung infrage kommt.
Was die Studien zeigen und was nicht
In den Zulassungsstudien zum Gewichtsmanagement erhielten alle Teilnehmenden eine Beratung zu Ernährung und Bewegung. Mit Tirzepatid nahmen sie über 72 Wochen im Durchschnitt deutlich mehr ab als mit Placebo. Ein Durchschnittswert ist allerdings keine persönliche Prognose. Ausgangsgewicht, erreichte Dosis, Verträglichkeit, Begleiterkrankungen und Lebensumstände beeinflussen den Verlauf.
Eine weitere Studie untersuchte, was nach einer Umstellung auf Placebo passiert. Die Teilnehmenden, die nach der ersten Behandlungsphase Placebo erhielten, nahmen einen erheblichen Teil des verlorenen Gewichts wieder zu. Die Frage nach der Behandlungsdauer gehört deshalb von Anfang an in die ärztliche Planung.
In einer Teilstudie ging die Gewichtsabnahme überwiegend auf Fettgewebe zurück, ein kleinerer Teil betraf fettfreie Masse. Ausreichend Eiweiß und Krafttraining können helfen, Muskulatur zu erhalten.
Häufige Nebenwirkungen
Die meisten Nebenwirkungen betreffen den Verdauungstrakt. Bei mehr als einer von zehn Personen, die zum Gewichtsmanagement behandelt werden, treten Übelkeit, Durchfall, Bauchschmerzen, Erbrechen und Verstopfung auf. Übelkeit, Durchfall und Erbrechen treten vor allem zu Beginn auf und nehmen bei den meisten Behandelten mit der Zeit ab.
Häufig sind außerdem Verdauungsbeschwerden, Blähungen, Aufstoßen, Sodbrennen, Schwindel, niedriger Blutdruck, Müdigkeit, Haarausfall, ein schnellerer Puls, Reaktionen an der Einstichstelle und Überempfindlichkeitsreaktionen wie Hautausschlag. Gelegentlich kommt es zu Gallensteinen oder einer Gallenblasenentzündung. Eine ausführliche Übersicht mit Hinweisen für den Alltag bietet der Beitrag: Nebenwirkungen und Risiken von Tirzepatid.
Warnhinweise und Wechselwirkungen
Laut EU-Fachinformation ist eine Überempfindlichkeit gegen Tirzepatid oder einen sonstigen Bestandteil die einzige ausdrückliche Gegenanzeige. Mehrere Warnhinweise sind trotzdem wichtig:
- Bauchspeicheldrüse: Akute Entzündungen wurden berichtet. Nach einer früheren Pankreatitis ist Vorsicht geboten, bei Verdacht wird die Behandlung beendet.
- Flüssigkeitsverlust: Durchfall und Erbrechen können zu Austrocknung und in der Folge zu einer Verschlechterung der Nierenfunktion führen, besonders bei älteren Menschen.
- Unterzuckerung: Zusammen mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen steigt das Risiko. Die Dosis dieser Mittel wird dann oft verringert und der Blutzucker kontrolliert.
- Schwere Magen-Darm-Erkrankungen: Bei schwerer Gastroparese wurde Tirzepatid nicht untersucht und ist nur mit Vorsicht einzusetzen.
- Diabetische Retinopathie: Eine rasche Verbesserung des Blutzuckers kann eine bestehende Netzhauterkrankung vorübergehend verschlechtern.
- Narkose und tiefe Sedierung: Wegen der verzögerten Magenentleerung wurde über das Einatmen von Mageninhalt berichtet. Informieren Sie vor solchen Eingriffen das behandelnde Team.
Weil sich der Magen langsamer entleert, können Tabletten verzögert aufgenommen werden, vor allem zu Beginn und nach Dosiserhöhungen. Bei Arzneimitteln mit enger therapeutischer Breite, etwa bestimmten Gerinnungshemmern, empfiehlt die Fachinformation in dieser Zeit eine engere Kontrolle.
Verhütung, Schwangerschaft und Stillzeit
Frauen im gebärfähigen Alter wird während der Behandlung eine Verhütung empfohlen. Die EU-Fachinformation sieht für die Pille keine Anpassung vor. Die britische und die australische Arzneimittelbehörde empfehlen jedoch, in den 4 Wochen nach Behandlungsbeginn und nach jeder Dosiserhöhung zusätzlich ein Kondom zu verwenden oder eine Verhütung ohne Tabletten zu wählen. Besprechen Sie Ihre Verhütung deshalb vor dem Start ärztlich.
In der Schwangerschaft wird Tirzepatid nicht empfohlen. Bei Kinderwunsch soll es mindestens einen Monat vor der geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden, weil der Wirkstoff lange im Körper verbleibt. Zur Stillzeit gibt es nur begrenzte Daten, eine Anwendung wird individuell abgewogen.
Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten
Suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe bei starken, anhaltenden Bauchschmerzen, die in den Rücken ausstrahlen können, bei wiederholtem Erbrechen oder Durchfall mit Zeichen von Austrocknung und bei Schmerzen im rechten Oberbauch mit Fieber oder Gelbfärbung der Haut. Wer zusätzlich Diabetesmedikamente nimmt, sollte Zeichen einer Unterzuckerung wie Zittern, Schwitzen, Verwirrtheit oder Herzklopfen ernst nehmen.
Bei Atemnot, rasch anschwellenden Lippen, Zunge oder Rachen und Schluckbeschwerden handelt es sich um einen Notfall: Notruf 112 (Schweiz: 144). Eine Online-Anfrage ersetzt bei solchen Beschwerden keine Untersuchung vor Ort.
Häufige Fragen
Ist Tirzepatid dasselbe wie Semaglutid?
Nein. Semaglutid wirkt nur am GLP-1-Rezeptor, Tirzepatid zusätzlich am GIP-Rezeptor. Beide werden zur Gewichtsreduktion einmal wöchentlich gespritzt, unterscheiden sich aber in Dosierung und Studienlage. Welcher Wirkstoff passt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt.
Kann Tirzepatid bei Typ-2-Diabetes und Übergewicht eingesetzt werden?
Ja, der Wirkstoff ist für beide Anwendungsgebiete zugelassen, und Typ-2-Diabetes zählt zu den gewichtsbedingten Begleiterkrankungen. Wer bereits Insulin oder Sulfonylharnstoffe nimmt, braucht eine abgestimmte Anpassung dieser Medikamente.
Wie bald zeigt sich eine Wirkung?
Ein geringerer Appetit kann schon in den ersten Wochen auftreten. Die Gewichtsentwicklung wird aber über Monate beurteilt, zumal die Dosis erst schrittweise steigt.
Was passiert, wenn ich die Behandlung beende?
Mit dem Absetzen fällt die Wirkung auf Appetit und Sättigung weg, das Gewicht kann wieder steigen. Beenden Sie die Behandlung deshalb nicht eigenmächtig, sondern planen Sie das gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Allgemeine Informationen zu Behandlungsmöglichkeiten bei Übergewicht und Adipositas finden Sie auf unserer Themenseite.