Sildenafil wird zur Behandlung der erektilen Dysfunktion eingesetzt und ist verschreibungspflichtig. Ein wichtiger Grund dafür sind Situationen, in denen der Wirkstoff gefährlich werden kann. Dieser Beitrag fasst zusammen, wann Sildenafil laut europäischer Fachinformation nicht angewendet werden darf und wann eine sorgfältige ärztliche Abwägung nötig ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Sildenafil darf nicht zusammen mit Nitraten, Stickstoffmonoxid-Donatoren wie Poppers oder Riociguat eingenommen werden.
- Weitere Gegenanzeigen sind unter anderem schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein kürzlich erlittener Herzinfarkt oder Schlaganfall, niedriger Blutdruck, schwere Leberinsuffizienz und bestimmte Augenerkrankungen.
- Bei Alphablockern, einigen HIV- und Pilzmitteln oder eingeschränkter Nieren- und Leberfunktion sind eine niedrigere Anfangsdosis oder besondere Vorsicht nötig.
- Vollständige Angaben zu Vorerkrankungen und Medikamenten sind die Grundlage jeder ärztlichen Entscheidung.
Warum Sildenafil nicht für jeden geeignet ist
Sildenafil gehört zu den PDE-5-Hemmern. Der Wirkstoff, der unter anderem in Viagra enthalten ist, verstärkt bei sexueller Erregung die Wirkung des Botenstoffs Stickstoffmonoxid und erleichtert so den Bluteinstrom in die Schwellkörper. Dabei erweitern sich auch andere Blutgefäße, und der Blutdruck sinkt leicht und vorübergehend.
Für die meisten Männer hat dieser Effekt keine größere Bedeutung. Kritisch wird er, wenn weitere blutdrucksenkende Einflüsse hinzukommen oder das Herz-Kreislauf-System wenig Reserven hat. Außerdem ist sexuelle Aktivität selbst eine körperliche Belastung. Deshalb soll vor jeder Verordnung der Herz-Kreislauf-Status berücksichtigt werden.
Gegenanzeigen: Hier ist Sildenafil ausgeschlossen
Die europäische Fachinformation nennt folgende Situationen, in denen Sildenafil nicht angewendet werden darf:
- Nitrate und Stickstoffmonoxid-Donatoren: zum Beispiel Nitroglycerin, Isosorbidmononitrat oder Isosorbiddinitrat gegen Angina pectoris, Molsidomin sowie Poppers mit Amylnitrit. Die Kombination kann den Blutdruck gefährlich stark senken. Auch Nicorandil enthält eine Nitratkomponente.
- Riociguat: ein Mittel gegen bestimmte Formen des Lungenhochdrucks.
- Männer, denen von sexueller Aktivität abzuraten ist: etwa bei instabiler Angina pectoris oder schwerer Herzinsuffizienz.
- Kürzlich erlittener Herzinfarkt oder Schlaganfall.
- Niedriger Blutdruck unter 90/50 mmHg.
- Schwere Leberinsuffizienz.
- Sehverlust auf einem Auge durch NAION: Das ist eine Durchblutungsstörung des Sehnervs. Die Gegenanzeige gilt unabhängig davon, ob der Sehverlust mit einem PDE-5-Hemmer zusammenhing.
- Erblich bedingte degenerative Netzhauterkrankungen wie Retinitis pigmentosa.
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen sonstigen Bestandteil.
Diese Gegenanzeigen gelten auch für niedrige Dosierungen und für eine einmalige Einnahme.
Besondere Vorsicht: Hier braucht es eine ärztliche Abwägung
In anderen Situationen ist Sildenafil nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Nutzen, Risiko und Dosis müssen dann aber sorgfältig abgewogen werden.
| Situation | Worauf geachtet wird |
|---|---|
| Alphablocker, zum Beispiel Doxazosin oder Tamsulosin | Die Therapie sollte stabil eingestellt sein. Eine Anfangsdosis von 25 mg wird erwogen, da der Blutdruck beim Aufstehen absinken kann. |
| Mittel, die den Abbau hemmen (CYP3A4-Hemmer), etwa Erythromycin, Ketoconazol, Itraconazol oder Saquinavir | Sildenafil wird langsamer abgebaut. Eine Anfangsdosis von 25 mg wird erwogen. Die Kombination mit Ritonavir wird nicht empfohlen. |
| Schwere Nierenfunktionsstörung oder eingeschränkte Leberfunktion | Der Wirkstoff wird langsamer ausgeschieden. Eine Anfangsdosis von 25 mg wird erwogen. |
| Sacubitril/Valsartan bei Herzinsuffizienz | Eine stärkere Blutdrucksenkung ist möglich. Der Behandlungsbeginn erfolgt mit Vorsicht. |
| Aortenklappenstenose, hypertroph-obstruktive Kardiomyopathie, Multisystematrophie | Diese Patienten reagieren empfindlicher auf gefäßerweiternde Wirkstoffe. |
| Verformungen des Penis wie Verkrümmung oder Induratio penis plastica sowie Sichelzellanämie, Plasmozytom oder Leukämie | Bei Verformungen des Penis ist Vorsicht geboten. Die genannten Bluterkrankungen können eine Dauererektion begünstigen. |
| Blutungsstörungen oder aktive Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre | Es fehlen Sicherheitsdaten. Die Anwendung erfolgt nur nach Nutzen-Risiko-Abwägung. |
Die Dosisangaben stammen aus der Fachinformation und dienen der Einordnung. Welche Dosis im Einzelfall passt, legt immer die Ärztin oder der Arzt fest.
Punkte, die oft übersehen werden
Sildenafil soll nicht mit anderen PDE-5-Hemmern wie Tadalafil kombiniert werden, auch nicht mit sildenafilhaltigen Arzneimitteln gegen Lungenhochdruck oder mit anderen Behandlungen der erektilen Dysfunktion. Grapefruitsaft kann den Wirkstoffspiegel leicht erhöhen. In einer Studie mit gesunden Probanden verstärkte Sildenafil die blutdrucksenkende Wirkung von Alkohol nicht. Alkohol kann aber selbst die Erektion beeinträchtigen und Schwindel begünstigen.
Das Alter allein ist keine Gegenanzeige: Für Männer ab 65 Jahren sieht die Fachinformation keine generelle Dosisanpassung vor. Auch ein Diabetes schließt Sildenafil nicht aus. Entscheidend sind Begleiterkrankungen, etwa an Herz oder Nieren, und die übrige Medikation. Wie sich Sildenafil in Wirkdauer und Einnahme von Tadalafil unterscheidet, erklärt der Beitrag: Sildenafil und Tadalafil im Vergleich.
Warnzeichen während der Einnahme
Setzen Sie Sildenafil ab und holen Sie sofort ärztliche Hilfe, wenn sich das Sehen plötzlich verschlechtert, ein Teil des Gesichtsfelds ausfällt oder das Hörvermögen plötzlich nachlässt. Treten bei sexueller Aktivität Brustschmerzen, starke Atemnot oder Ohnmacht auf, wählen Sie den Notruf 112 (Schweiz: 144). Teilen Sie dem Rettungsdienst mit, wann Sie Sildenafil eingenommen haben, damit keine Nitrate gegeben werden.
Eine Erektion, die länger als vier Stunden anhält, ist ebenfalls ein Notfall. Unbehandelt kann sie das Schwellkörpergewebe dauerhaft schädigen. Welche Nebenwirkungen dagegen häufig und meist vorübergehend sind, beschreibt der Beitrag: Nebenwirkungen von Sildenafil im Alltag.
Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten
Besprechen Sie eine mögliche Einnahme vorab ärztlich, wenn Sie eine Herzerkrankung, Blutdruckprobleme, eine Leber- oder Nierenerkrankung oder eine Augenerkrankung haben oder regelmäßig Medikamente einnehmen. Das gilt auch, wenn Sie früher bereits einen plötzlichen Seh- oder Hörverlust hatten.
Neu aufgetretene Erektionsstörungen können auf Gefäßveränderungen, Diabetes oder hormonelle Ursachen hinweisen. Sildenafil behandelt das Symptom, nicht unbedingt die Ursache. Eine Abklärung ist daher sinnvoll, auch wenn keine Gegenanzeige vorliegt.
Häufige Fragen
Darf ich Sildenafil nehmen, wenn ich Blutdruckmedikamente einnehme?
Viele Blutdrucksenker schließen Sildenafil nicht grundsätzlich aus. In Studien unterschied sich das Nebenwirkungsprofil bei Patienten mit gängigen Blutdruckmitteln nicht wesentlich. Ausgeschlossen sind Nitrate und Riociguat, bei Alphablockern und Sacubitril/Valsartan ist Vorsicht geboten. Geben Sie deshalb immer Namen und Dosis aller Medikamente an.
Wie lange muss ein Herzinfarkt zurückliegen?
Die Fachinformation von Sildenafil spricht von einem „kürzlich erlittenen“ Herzinfarkt oder Schlaganfall, ohne eine feste Frist zu nennen. Für andere PDE-5-Hemmer werden Zeiträume von 90 Tagen bis sechs Monaten angegeben. Ob eine Behandlung möglich ist, entscheidet die Ärztin oder der Arzt anhand von Stabilität und Belastbarkeit.
Ist Sildenafil bei Diabetes ungeeignet?
Nein, Diabetes allein ist keine Gegenanzeige. Erektionsstörungen kommen bei Diabetes häufiger vor, weil Nerven und Gefäße betroffen sein können. Wichtig sind Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme oder eine eingeschränkte Nierenfunktion.
Was gilt für Poppers?
Poppers enthalten Nitrite, die wie Nitrate wirken. Zusammen mit Sildenafil kann der Blutdruck lebensgefährlich abfallen. Verwenden Sie Poppers daher nicht, wenn Sie Sildenafil eingenommen haben oder einnehmen möchten.
Einen Überblick über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten bei Erektionsstörungen finden Sie auf unserer Themenseite.