Schlafmittel wirken nicht nur in der Nacht. Viele Wirkstoffe beeinflussen auch Reaktionsfähigkeit, Gedächtnis und Atmung, und manche Kombinationen mit anderen Substanzen können gefährlich werden. Dieser Beitrag erklärt die wichtigsten Risiken im Alltag, nennt Gruppen, die besonders vorsichtig sein sollten, und zeigt, wie Sie Warnzeichen erkennen.
Das Wichtigste in Kürze
- Viele Schlafmittel wirken am nächsten Morgen nach und können die Fahrtüchtigkeit einschränken, auch wenn Sie sich wach fühlen.
- Stürze, Gedächtnislücken und ungewöhnliches Verhalten im Schlaf gehören zu den ernsten Nebenwirkungen, vor allem bei älteren Menschen.
- Alkohol, Opioide und andere dämpfende Mittel können zusammen mit Schlafmitteln die Atmung gefährlich verlangsamen.
- Bei Schlafapnoe, schweren Lungen- oder Lebererkrankungen, in der Schwangerschaft und bei Suchterkrankungen ist besondere Vorsicht nötig.
- Auch rezeptfreie Schlafmittel haben Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.
Nachwirkungen am nächsten Tag
Der Wirkstoff eines Schlafmittels wird nicht über Nacht vollständig abgebaut. Je länger seine Halbwertszeit, desto eher sind am Morgen noch Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel und verlangsamte Reaktionen spürbar. Fachleute sprechen von einem Überhang oder „Hangover“. Er tritt bei lang wirksamen Benzodiazepinen besonders häufig auf, ist aber auch bei kürzer wirksamen Mitteln möglich.
Tückisch ist, dass Betroffene die Einschränkung oft nicht bemerken. Die Gebrauchsinformation von Zolpidem nennt einen Abstand von mindestens 8 Stunden zwischen Einnahme und Autofahren, die von Zopiclon mindestens 12 Stunden. Wer sich danach noch benommen fühlt, sollte weder fahren noch Maschinen bedienen. Rezeptfreie Schlafmittel mit Antihistaminika wie Doxylamin oder Diphenhydramin können ebenfalls bis in den Vormittag nachwirken.
Stürze, Gedächtnislücken und Verhalten im Schlaf
Schlafmittel beeinträchtigen Gleichgewicht und Koordination. Wer nachts zur Toilette geht, stürzt leichter. Bei älteren Menschen kann das zu Knochenbrüchen führen, etwa am Oberschenkelhals. Die deutsche Leitlinie zur Insomnie rät deshalb bei älteren Patientinnen und Patienten zu großer Zurückhaltung mit Medikamenten.
Benzodiazepine und Z-Substanzen können außerdem Gedächtnislücken verursachen. Betroffene erinnern sich nicht an Ereignisse in den Stunden nach der Einnahme. Das Risiko sinkt, wenn nach der Einnahme genug Zeit für eine ungestörte Nachtruhe bleibt.
Selten kommt es zu sogenannten komplexen Schlafverhaltensweisen: Schlafwandeln, Essen, Telefonieren oder sogar Autofahren, ohne vollständig wach zu sein. Wer so etwas bei sich bemerkt oder von anderen darauf angesprochen wird, sollte das Mittel nicht erneut einnehmen und ärztlichen Rat einholen. Möglich sind auch paradoxe Reaktionen wie Unruhe, Reizbarkeit oder Aggressivität. Details zu einem einzelnen Wirkstoff lesen Sie im Beitrag: Zopiclon: Nebenwirkungen, Abhängigkeit und Wechselwirkungen.
Gefährliche Kombinationen
Das größte akute Risiko entsteht, wenn mehrere dämpfende Substanzen zusammenkommen. Die Wirkungen addieren sich. Starke Benommenheit, eine verlangsamte oder flache Atmung bis hin zum Atemstillstand und Bewusstlosigkeit sind möglich. Die Fachinformationen warnen ausdrücklich vor der gleichzeitigen Anwendung von Benzodiazepinen oder Z-Substanzen mit Opioiden. Vorsicht gilt insbesondere bei:
- Alkohol, auch in kleinen Mengen
- opioidhaltigen Schmerzmitteln und Hustenmitteln, etwa mit Codein
- anderen Beruhigungs- und Schlafmitteln
- bestimmten Antidepressiva, Antipsychotika und Antiepileptika
- sedierenden Antihistaminika, die auch in Allergie- und Reisemitteln enthalten sein können
- Cannabisprodukten
Daneben gibt es Wechselwirkungen über den Abbau in der Leber. Manche Antibiotika, Pilzmittel und Mittel gegen HIV können den Spiegel eines Schlafmittels erhöhen, Rifampicin, Carbamazepin oder Johanniskraut können ihn senken. Nennen Sie deshalb bei jeder Verordnung alle Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und pflanzlichen Präparate. Die Apotheke prüft Wechselwirkungen bei der Abgabe zusätzlich.
Wer besonders vorsichtig sein muss
Für einige Menschen ist das Risiko deutlich erhöht. Bei manchen Erkrankungen dürfen bestimmte Schlafmittel laut Fachinformation gar nicht angewendet werden.
- Schlafapnoe und Lungenerkrankungen: Schlafmittel können Atemaussetzer verstärken. Lautes Schnarchen, beobachtete Atempausen und starke Tagesmüdigkeit sollten vorher abgeklärt werden.
- Myasthenia gravis: Die muskelentspannende Wirkung kann eine bestehende Muskelschwäche verschlechtern.
- Schwere Lebererkrankungen: Der Wirkstoff wird langsamer abgebaut und wirkt stärker und länger.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Vor allem in den letzten Wochen der Schwangerschaft können beim Neugeborenen Trinkschwäche, Atemprobleme oder Entzugszeichen auftreten. In der Stillzeit sollen Zolpidem und Zopiclon laut Fachinformation nicht eingenommen werden.
- Ältere Menschen: Wer älter ist, reagiert empfindlicher und hat ein höheres Sturzrisiko.
- Frühere Abhängigkeit: Wer von Alkohol, Medikamenten oder Drogen abhängig war, entwickelt leichter eine erneute Abhängigkeit.
- Depression: Schlafmittel behandeln keine Depression und können bestehende Beschwerden verdecken.
Abhängigkeit als Langzeitrisiko
Benzodiazepine und Z-Substanzen können schon nach wenigen Wochen regelmäßiger Einnahme zu Gewöhnung und Abhängigkeit führen. Deshalb sind sie nur für eine Behandlung von höchstens 4 Wochen einschließlich des Ausschleichens vorgesehen. Wie sich eine Abhängigkeit zeigt und wie das Absetzen gelingt, erklärt der Beitrag: Abhängigkeit von Schlafmitteln. Wie sich die einzelnen Wirkstoffgruppen unterscheiden, lesen Sie im Beitrag: Medikamente bei Schlafstörungen.
Sicherer Umgang im Alltag
Hat eine Ärztin oder ein Arzt ein Schlafmittel verordnet, lassen sich viele Risiken durch klare Regeln verringern:
- Nehmen Sie nur die verordnete Dosis und erhöhen Sie sie nicht selbst.
- Nehmen Sie das Mittel erst unmittelbar vor dem Schlafengehen und nur, wenn danach genug Zeit für eine volle Nacht bleibt.
- Nehmen Sie nachts keine zweite Tablette, wenn dies nicht ausdrücklich so vereinbart ist.
- Verzichten Sie während der Behandlung auf Alkohol.
- Bewahren Sie Schlafmittel für Kinder und Jugendliche unerreichbar auf und geben Sie sie nie an andere weiter.
- Fragen Sie in Ihrer Apotheke, wie übrig gebliebene Tabletten entsorgt werden.
Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten
Wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, wenn Nebenwirkungen neu auftreten oder stärker werden, wenn Sie gestürzt sind, sich an Teile der Nacht nicht erinnern oder das Gefühl haben, ohne Tablette nicht mehr schlafen zu können. Das gilt auch bei gedrückter Stimmung während der Behandlung.
Sofortige Hilfe ist nötig bei flacher oder verlangsamter Atmung, schwerer Benommenheit, Bewusstlosigkeit, Anzeichen einer allergischen Reaktion wie Schwellungen im Gesicht oder Atemnot und bei Verdacht auf eine Überdosierung. Wählen Sie den Notruf 112 (Schweiz: 144). Bei Vergiftungsverdacht beraten in Deutschland die regionalen Giftnotrufzentralen, in der Schweiz Tox Info Suisse unter 145. Bei Gedanken an Selbstverletzung erreichen Sie in Deutschland die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 und in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143.
Häufige Fragen
Wie lange wirkt ein Schlafmittel am nächsten Morgen nach?
Das hängt vom Wirkstoff, der Dosis und Ihrem Stoffwechsel ab. Die Gebrauchsinformationen nennen für Zolpidem mindestens 8 Stunden und für Zopiclon mindestens 12 Stunden bis zum Autofahren. Bei älteren Menschen oder zusammen mit anderen Medikamenten kann die Wirkung länger anhalten.
Darf ich während einer Behandlung mit Schlafmitteln Alkohol trinken?
Nein. Alkohol verstärkt die dämpfende Wirkung unvorhersehbar und erhöht das Risiko für Atemprobleme, Stürze, Gedächtnislücken und ungewöhnliches Verhalten im Schlaf.
Sind rezeptfreie Schlafmittel ohne Risiko?
Nein. Antihistaminika wie Doxylamin oder Diphenhydramin können Mundtrockenheit, Verstopfung, Probleme beim Wasserlassen, Sehstörungen und Verwirrtheit verursachen und wirken oft bis in den nächsten Tag nach. Die deutsche Leitlinie empfiehlt sie nicht zur Behandlung von Schlafstörungen. Lassen Sie sich in der Apotheke beraten, besonders wenn Sie weitere Medikamente einnehmen.
Was soll ich bei Verdacht auf eine Überdosierung tun?
Rufen Sie sofort den Notruf 112 (Schweiz: 144), wenn die Person schwer weckbar ist oder auffällig atmet. Bleiben Sie bei ihr und halten Sie die Packung bereit. Ohne akute Beschwerden berät Sie in Deutschland der regionale Giftnotruf, in der Schweiz Tox Info Suisse unter 145.
Weitere Informationen zu Schlafstörungen, ihren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten finden Sie auf der Informationsseite zur Schlafberatung.