Erektionsprobleme haben oft mehrere Ursachen. Ein Faktor, an den viele Männer zunächst nicht denken, sind Medikamente, die sie wegen einer ganz anderen Erkrankung einnehmen. Dieser Beitrag erklärt, welche Wirkstoffgruppen häufiger mit sexuellen Nebenwirkungen in Verbindung gebracht werden und wie Sie vorgehen können, ohne Ihre Behandlung zu gefährden.
Das Wichtigste in Kürze
- Einige Blutdruckmittel, Antidepressiva, Hormontherapien und Schmerzmittel können Lust, Erektion oder Samenerguss beeinflussen.
- Ein zeitlicher Zusammenhang ist ein Hinweis, aber kein Beweis: Auch die Grunderkrankung selbst kann Erektionsstörungen auslösen.
- Setzen Sie verordnete Medikamente nicht eigenmächtig ab. Nach ärztlicher Rücksprache gibt es oft Alternativen.
- Wer Nitrate oder Riociguat einnimmt, darf keine PDE-5-Hemmer wie Sildenafil oder Tadalafil anwenden.
Wie Medikamente die Erektion beeinflussen können
Für eine Erektion müssen Gehirn, Nerven, Blutgefäße und Hormone zusammenspielen. Sexuelle Reize lösen Nervensignale aus, die Gefäße im Penis erweitern sich, und Blut strömt in die Schwellkörper. Testosteron beeinflusst vor allem das sexuelle Verlangen.
Arzneimittel können an verschiedenen Stellen dieses Ablaufs eingreifen. Manche verändern Botenstoffe im Gehirn und dämpfen die Lust. Andere wirken auf den Blutdruck oder das vegetative Nervensystem, wieder andere senken den Testosteronspiegel oder schwächen seine Wirkung ab. Nehmen Sie mehrere Medikamente gleichzeitig ein, können sich solche Effekte addieren.
Nicht jede Veränderung geht auf ein Medikament zurück. Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronische Schmerzen können selbst eine erektile Dysfunktion verursachen. Welcher Anteil auf die Erkrankung und welcher auf die Behandlung entfällt, lässt sich meist erst in einer ärztlichen Gesamtbetrachtung einschätzen.
Wirkstoffgruppen, die häufiger beteiligt sind
Die folgende Übersicht nennt Gruppen, für die sexuelle Nebenwirkungen beschrieben sind. Ob sie bei Ihnen auftreten, hängt von Wirkstoff, Dosis, Dauer der Einnahme und Ihrer gesundheitlichen Situation ab. Viele Männer vertragen diese Mittel ohne solche Beschwerden.
| Wirkstoffgruppe | Beispiele | Mögliche Auswirkungen |
|---|---|---|
| Blutdruck- und Herzmittel | Thiazid-Diuretika, Spironolacton, einige ältere Betablocker, zentral wirkende Mittel wie Clonidin | Erektionsprobleme, teils weniger Lust |
| Antidepressiva | SSRI wie Sertralin oder Citalopram, SNRI wie Venlafaxin, einige trizyklische Antidepressiva | weniger Lust, verzögerter Orgasmus, Erektionsprobleme |
| Antipsychotika | verschiedene Wirkstoffe, vor allem solche, die das Hormon Prolaktin erhöhen | weniger Lust, Erektions- und Ejakulationsstörungen |
| 5-Alpha-Reduktase-Hemmer | Finasterid, Dutasterid | weniger Lust, Erektionsprobleme, weniger Ejakulat |
| Hormontherapien | Antiandrogene und GnRH-Analoga bei Prostatakrebs | deutlich verminderte Lust und Erektionsfähigkeit |
| Opioide bei Langzeiteinnahme | zum Beispiel Morphin, Oxycodon, Tramadol | niedrigerer Testosteronspiegel, weniger Lust |
| Dämpfende Mittel | Benzodiazepine, einige Antiepileptika | verminderte Erregbarkeit und Lust |
Blutdruckmittel
Bei den Blutdrucksenkern unterscheiden sich die Wirkstoffgruppen deutlich. Für Thiazid-Diuretika, Spironolacton und manche älteren Betablocker werden sexuelle Nebenwirkungen häufiger beschrieben. ACE-Hemmer, Sartane und Calciumantagonisten gelten in dieser Hinsicht meist als weniger belastend. Ein gut eingestellter Blutdruck schützt zugleich die Gefäße, die auch für die Erektion wichtig sind.
Antidepressiva und Psychopharmaka
Sexuelle Funktionsstörungen gehören zu den bekannten Nebenwirkungen vieler Antidepressiva, besonders der SSRI und SNRI. Gleichzeitig kann eine unbehandelte Depression Lust und Erektion ebenfalls stark beeinträchtigen. Einige Wirkstoffe, etwa Bupropion oder Mirtazapin, werden seltener mit sexuellen Nebenwirkungen in Verbindung gebracht. Ob ein Wechsel infrage kommt, hängt davon ab, wie stabil die psychische Gesundheit derzeit ist.
Prostata- und Haarausfallmittel
Finasterid und Dutasterid hemmen die Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron. Beide werden bei gutartiger Prostatavergrößerung eingesetzt, Finasterid in niedriger Dosis auch bei erblich bedingtem Haarausfall. Bei einem Teil der Anwender treten Libidoverlust, Erektionsprobleme oder Veränderungen des Samenergusses auf. Mehr dazu im Beitrag: Nebenwirkungen von Finasterid. Alphablocker wie Tamsulosin verändern teilweise den Samenerguss und können den Blutdruck senken.
Schmerzmittel und dämpfende Mittel
Opioide können bei längerer Einnahme die körpereigene Hormonproduktion drosseln und so Lust und Erektion beeinträchtigen. Benzodiazepine und andere dämpfende Mittel wirken zusätzlich auf das zentrale Nervensystem, besonders in Verbindung mit Alkohol. Auch Nikotin und größere Mengen Alkohol gehören zu den Faktoren, die bei der Suche nach Ursachen mitbedacht werden sollten.
Was Sie nicht selbst ändern sollten
Wer vermutet, dass ein Medikament die Erektion beeinträchtigt, möchte es oft einfach weglassen. Davon ist abzuraten. Ein abruptes Absetzen von Betablockern und anderen Blutdrucksenkern kann Blutdruck und Herzfrequenz stark ansteigen lassen. Antidepressiva können beim plötzlichen Absetzen Absetzsymptome oder einen Rückfall auslösen, Opioide Entzugserscheinungen.
Sprechen Sie stattdessen mit der Ärztin oder dem Arzt, der das Medikament verordnet hat. Häufig gibt es Möglichkeiten: eine niedrigere Dosis, ein anderer Wirkstoff aus derselben oder einer verwandten Gruppe, ein veränderter Einnahmezeitpunkt oder eine zusätzliche Behandlung der Erektionsstörung. Welche Lösung passt, lässt sich nur mit Blick auf die Grunderkrankung entscheiden.
So bereiten Sie das ärztliche Gespräch vor
Einige konkrete Angaben helfen, einen Zusammenhang zu erkennen oder auszuschließen. Notieren Sie sich am besten vorab:
- Seit wann bestehen die Beschwerden, und begannen sie nach einem neuen Medikament oder einer Dosisänderung?
- Betrifft das Problem vor allem die Lust, die Erektion oder den Samenerguss?
- Treten nächtliche oder morgendliche Erektionen noch auf?
- Welche Medikamente nehmen Sie ein, einschließlich rezeptfreier Mittel, Nahrungsergänzungsmittel und Präparate, die Sie nur bei Bedarf verwenden?
- Wie viel Alkohol trinken Sie? Rauchen Sie oder nehmen Sie andere Substanzen?
Ein vollständiger Medikationsplan ist auch dann wichtig, wenn später ein Mittel gegen Erektionsstörungen erwogen wird. Er ist die Grundlage, um gefährliche Wechselwirkungen zu vermeiden.
Wenn zusätzlich ein Mittel gegen Erektionsstörungen infrage kommt
PDE-5-Hemmer wie Sildenafil oder Tadalafil verstärken bei sexueller Erregung den Bluteinstrom in den Penis. Diese Mittel können eine Option sein, wenn ein notwendiges Medikament nicht gewechselt werden kann. Voraussetzung ist, dass keine Gegenanzeigen bestehen.
Nicht kombiniert werden dürfen PDE-5-Hemmer mit Nitraten wie Nitroglycerin oder Isosorbiddinitrat, mit sogenannten Poppers und mit Riociguat, einem Mittel gegen Lungenhochdruck. Die Kombination kann einen gefährlichen Blutdruckabfall auslösen. Eine ärztliche Abwägung ist außerdem bei Alphablockern, mehreren Blutdrucksenkern und bestimmten Mitteln gegen HIV oder Pilzinfektionen nötig. Eine ausführliche Übersicht gibt der Beitrag: Wann Sildenafil nicht geeignet ist.
Welche Behandlung insgesamt sinnvoll ist, hängt von der Ursache ab. Medikamentöse und nicht medikamentöse Wege stellt der Beitrag vor: Therapie der erektilen Dysfunktion.
Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten
Lassen Sie neu aufgetretene oder anhaltende Erektionsstörungen ärztlich abklären, besonders wenn sie nach Beginn einer neuen Therapie aufgetreten sind. Erektionsprobleme können auch ein frühes Zeichen für Gefäßerkrankungen oder Diabetes sein.
Wählen Sie bei Brustschmerzen, Atemnot, Ohnmacht oder einer Erektion, die länger als vier Stunden anhält, den Notruf 112 (Schweiz: 144). Wenn Sie nach einer Änderung Ihrer Antidepressiva unter starken Stimmungsschwankungen oder Suizidgedanken leiden, erreichen Sie in Deutschland die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 und in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143.
Häufige Fragen
Bessern sich die Beschwerden nach einem Medikamentenwechsel?
Häufig bessern sich medikamentenbedingte sexuelle Nebenwirkungen, wenn Dosis oder Wirkstoff angepasst werden. Wie lange das dauert, ist unterschiedlich. Für einzelne Wirkstoffe, etwa Finasterid, wurden auch länger anhaltende Beschwerden nach dem Absetzen berichtet. Bleiben die Probleme bestehen, sollte nach weiteren Ursachen gesucht werden.
Darf ich ein Mittel gegen Erektionsstörungen zusammen mit einem Antidepressivum einnehmen?
PDE-5-Hemmer und die meisten Antidepressiva schließen sich nicht grundsätzlich aus. Entscheidend ist, dass die Ärztin oder der Arzt Ihre gesamte Medikation und Ihre Vorerkrankungen kennt. Nur so lassen sich Wechselwirkungen und Gegenanzeigen sorgfältig prüfen.
Spielen rezeptfreie Präparate ebenfalls eine Rolle?
Ja. Auch rezeptfreie Mittel und Nahrungsergänzungsmittel gehören in den Medikationsplan. Als pflanzlich beworbene Potenzmittel enthalten mitunter nicht deklarierte Wirkstoffe, vor denen Behörden in Deutschland und der Schweiz regelmäßig warnen. Solche Produkte können gefährliche Wechselwirkungen verursachen.
Wen sollte ich zuerst ansprechen?
Am sinnvollsten ist die Person, die das vermutete Medikament verordnet hat, zum Beispiel die Hausärztin, der Kardiologe oder die Psychiaterin. Diese Person kennt den Grund der Behandlung und kann Alternativen einschätzen. Für die weitere Abklärung der Erektionsstörung ist eine urologische Praxis zuständig.
Informationen zu Ursachen, Abklärung und Behandlungsmöglichkeiten bei Erektionsstörungen finden Sie auf unserer Themenseite.