Semaglutid und Tirzepatid sind die beiden Wirkstoffe, über die im Zusammenhang mit Gewichtsregulierung derzeit am meisten gesprochen wird. Beide senken den Appetit und werden in der Regel einmal pro Woche gespritzt, sie sind aber nicht identisch. Dieser Beitrag beschreibt die Unterschiede in Wirkweise, Zulassung, Anwendung und Warnhinweisen. Die Auswahl im Einzelfall trifft die Ärztin oder der Arzt.
Das Wichtigste in Kürze
- Semaglutid wirkt am GLP-1-Rezeptor, Tirzepatid zusätzlich am Rezeptor für das Hormon GIP.
- Beide sind in der EU zur Gewichtsregulierung bei Erwachsenen mit einem BMI ab 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankung zugelassen. Semaglutid gibt es dafür auch als Tablette.
- Bei beiden wird die Dosis über mehrere Monate in Schritten von vier Wochen gesteigert, die Startdosen und Stufen unterscheiden sich.
- Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen bei beiden den Magen-Darm-Trakt. Einzelne Warnhinweise, etwa zu Schwangerschaft und Stillzeit, sind verschieden.
Wirkweise: ein oder zwei Hormonsignale
GLP-1 ist ein Hormon, das der Darm nach dem Essen freisetzt. Es signalisiert dem Gehirn Sättigung, verlangsamt die Magenentleerung und fördert bei erhöhtem Blutzucker die Ausschüttung von Insulin. Semaglutid ahmt dieses Signal nach und wirkt deutlich länger als das körpereigene Hormon.
Tirzepatid aktiviert neben dem GLP-1-Rezeptor auch den Rezeptor für GIP, ein zweites Darmhormon mit Einfluss auf Blutzucker und Fettstoffwechsel. Welchen Anteil das GIP-Signal genau an der Wirkung hat, wird weiter erforscht. Für beide Wirkstoffe haben Zulassungsstudien eine klinisch relevante Gewichtsabnahme im Vergleich zu Placebo gezeigt. Solche Ergebnisse beschreiben jedoch Durchschnittswerte großer Gruppen und sagen nicht voraus, wie eine einzelne Person anspricht.
Zulassung und Präparate
Semaglutid ist in der EU in verschiedenen Präparaten erhältlich: zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und, in eigenen Dosisstärken, zur Gewichtsregulierung. Die Spritze zur Gewichtsregulierung, unter anderem Wegovy, ist für Erwachsene und für Jugendliche ab 12 Jahren mit Adipositas zugelassen. Seit 2026 gibt es Semaglutid zur Gewichtsregulierung außerdem als Tablette zur täglichen Einnahme für Erwachsene. Die Präparate zur Diabetesbehandlung haben andere Dosisstärken und sind nicht einfach gegen diese Präparate austauschbar.
Tirzepatid, der Wirkstoff von Mounjaro, ist dagegen in einem Präparat für zwei Anwendungsgebiete zugelassen: Typ-2-Diabetes und Gewichtsmanagement bei Erwachsenen. Für Kinder und Jugendliche ist Tirzepatid nur zur Behandlung von Typ-2-Diabetes ab 10 Jahren zugelassen, nicht zur Gewichtsregulierung.
Anwendung und Dosissteigerung
Beide Wirkstoffe beginnen mit einer niedrigen Dosis, um Magen-Darm-Beschwerden zu begrenzen. Die folgende Übersicht fasst die Angaben der EU-Fachinformation für die Spritzen zusammen:
| Merkmal | Semaglutid | Tirzepatid |
|---|---|---|
| Anwendung | einmal wöchentlich unter die Haut | einmal wöchentlich unter die Haut |
| Startdosis | 0,25 mg für vier Wochen | 2,5 mg für vier Wochen |
| Steigerung | alle vier Wochen über 0,5 mg, 1 mg und 1,7 mg | auf 5 mg, danach bei Bedarf in Schritten von 2,5 mg nach jeweils mindestens vier Wochen |
| Erhaltungsdosis | 2,4 mg, bei Erwachsenen mit einem BMI ab 30 bei Bedarf 7,2 mg | 5 mg, 10 mg oder 15 mg |
| Vergessene Dosis | nachholen, wenn höchstens 5 Tage vergangen sind | nachholen, wenn höchstens 4 Tage vergangen sind |
Die Semaglutid-Tablette wird ebenfalls schrittweise aufdosiert. Die Einnahme erfolgt nach mindestens acht Stunden Nüchternheit mit einem Schluck Wasser (höchstens etwa 120 ml). Danach sollen mindestens 30 Minuten vergehen, bevor Sie essen, trinken oder andere Tabletten einnehmen.
Ein Wechsel zwischen den Wirkstoffen ist möglich, folgt aber keiner festen Umrechnung. Die Ärztin oder der Arzt legt fest, mit welcher Dosis und zu welchem Zeitpunkt begonnen wird. Beide Wirkstoffe dürfen nicht gleichzeitig angewendet werden.
Nebenwirkungen und Warnhinweise im Vergleich
Bei beiden Wirkstoffen gehören Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Verstopfung und Bauchschmerzen zu den sehr häufigen Nebenwirkungen, vor allem in der Phase der Dosissteigerung. Außerdem kommen bei beiden unter anderem Verdauungsbeschwerden, Aufstoßen, Blähungen, Haarausfall, Schwindel, Müdigkeit und Reaktionen an der Einstichstelle vor. Bei beiden beschreiben die Fachinformationen seltener eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung, Gallensteine und Flüssigkeitsverlust mit Folgen für die Nieren.
Einige Hinweise unterscheiden sich:
- Schwangerschaft: Semaglutid soll mindestens zwei Monate, Tirzepatid mindestens einen Monat vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden.
- Stillzeit: Semaglutid soll in der Stillzeit nicht angewendet werden. Für Tirzepatid hält die Fachinformation eine Anwendung nach Abwägung für möglich.
- Augen: Für Semaglutid ist sehr selten eine Durchblutungsstörung des Sehnervs (NAION) beschrieben, die zu plötzlichem Sehverlust führen kann.
- Allergische Reaktionen: Für Tirzepatid werden Überempfindlichkeitsreaktionen wie Hautausschlag als häufig angegeben.
Gemeinsam ist beiden das Unterzuckerungsrisiko in Kombination mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen sowie der Hinweis, vor einer Narkose das Behandlungsteam zu informieren. Einzelheiten zu Semaglutid finden Sie im Beitrag: Nebenwirkungen von Semaglutid. Einzelheiten zu Tirzepatid finden Sie im Beitrag: Nebenwirkungen von Tirzepatid.
Welche Punkte die ärztliche Entscheidung beeinflussen
Welcher Wirkstoff infrage kommt, hängt nicht von einem einzelnen Studienwert ab. Berücksichtigt werden unter anderem ein bestehender Typ-2-Diabetes und dessen Behandlung, Vorerkrankungen von Bauchspeicheldrüse, Gallenblase, Nieren oder Augen, die übrige Medikation, Kinderwunsch und Stillzeit sowie die Verträglichkeit früherer Behandlungen. Auch praktische Fragen spielen eine Rolle, etwa ob eine Tablette oder eine Spritze besser in den Alltag passt und welche Präparate verfügbar sind.
Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten
Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, bevor Sie den Wirkstoff wechseln, eine Dosis verändern oder eine Schwangerschaft planen. Starke, anhaltende Bauchschmerzen, wiederholtes Erbrechen, Zeichen eines Flüssigkeitsmangels oder eine plötzliche Sehverschlechterung müssen umgehend ärztlich abgeklärt werden. Bei Atemnot oder Schwellungen von Gesicht und Rachen rufen Sie den Notruf 112 (Schweiz: 144). Einen Überblick über weitere Wirkstoffe gibt der Beitrag: Vergleich der Medikamente zur Gewichtsreduktion.
Häufige Fragen
Kann ich Semaglutid und Tirzepatid gleichzeitig anwenden?
Nein. Beide Wirkstoffe wirken am GLP-1-Rezeptor, eine gleichzeitige Anwendung ist nicht vorgesehen und würde das Risiko für Nebenwirkungen voraussichtlich erhöhen. Ein Wechsel erfolgt nur nach ärztlicher Anweisung.
Beeinflussen die Wirkstoffe die Wirkung der Pille?
Laut EU-Fachinformation ist für beide Wirkstoffe keine klinisch relevante Abschwächung der Pille zu erwarten. Erbrechen oder starker Durchfall können die Schutzwirkung einer Pille jedoch unabhängig davon vermindern. Was dann zu tun ist, steht in der Packungsbeilage Ihres Verhütungsmittels.
Gibt es Tirzepatid auch als Tablette?
Nein, Tirzepatid ist nur zur Injektion erhältlich. Semaglutid ist zur Gewichtsregulierung in der EU sowohl als Spritze als auch als Tablette zugelassen.
Was passiert, wenn ich eine Dosis vergesse?
Das hängt vom Wirkstoff und von der Zeit seit der geplanten Anwendung ab. Die Packungsbeilage beschreibt, bis wann eine Dosis nachgeholt werden kann. Injizieren Sie niemals eine doppelte Dosis.
Allgemeine Informationen zu Übergewicht, Adipositas und ärztlich begleiteter Gewichtsreduktion finden Sie auf unserer Informationsseite.