Adipositas ist eine chronische Erkrankung und keine Frage mangelnder Willenskraft. Für die Behandlung gibt es mehrere Bausteine, die je nach Ausgangslage kombiniert werden. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Möglichkeiten, von der Basistherapie bis zur Operation, und erklärt, welche Schritte sich online umsetzen lassen und wo eine Versorgung vor Ort nötig bleibt.
Das Wichtigste in Kürze
- Grundlage jeder Behandlung sind Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderungen, idealerweise mit fachlicher Unterstützung.
- Medikamente kommen für Erwachsene in der Regel ab einem BMI von 30 oder ab 27 mit gewichtsbedingten Begleiterkrankungen infrage, immer ergänzend zur Basistherapie.
- Bei ausgeprägter Adipositas kann eine Operation sinnvoll sein, die eine Betreuung in spezialisierten Zentren erfordert.
- Online lassen sich Beurteilung und Verordnung teilweise abbilden, körperliche Untersuchungen und Laborkontrollen jedoch nicht.
Adipositas als chronische Erkrankung
Von Adipositas spricht man bei einem Body-Mass-Index (BMI) ab 30. Der BMI wird aus Gewicht und Körpergröße berechnet und dient als erste Orientierung. Aussagekräftig ist zusätzlich der Taillenumfang, weil Fett im Bauchraum stärker mit Folgeerkrankungen verbunden ist.
| BMI | Einteilung |
|---|---|
| 25 bis 29,9 | Übergewicht |
| 30 bis 34,9 | Adipositas Grad I |
| 35 bis 39,9 | Adipositas Grad II |
| ab 40 | Adipositas Grad III |
An der Entstehung sind viele Faktoren beteiligt: Veranlagung, Hormone, Schlafmangel, Stress, bestimmte Medikamente und das Lebensumfeld. Adipositas erhöht unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Schlafapnoe, Fettleber und Gelenkbeschwerden. Schon eine Abnahme von 5 bis 10 Prozent des Ausgangsgewichts kann Blutdruck und Blutzucker messbar verbessern.
Basistherapie: Ernährung, Bewegung und Verhalten
Die Basistherapie ist der Ausgangspunkt jeder Behandlung und bleibt auch dann wichtig, wenn später Medikamente oder eine Operation hinzukommen. Die Basistherapie besteht aus drei Teilen:
- Ernährung: ein moderates Energiedefizit, das sich dauerhaft durchhalten lässt, statt sehr strenger Kurzzeitdiäten. Eine Ernährungsfachkraft kann helfen, Mahlzeiten alltagstauglich zu planen.
- Bewegung: regelmäßige Ausdaueraktivität und Krafttraining. Wichtig ist ein Umfang, der zu Gelenken, Kondition und Tagesablauf passt.
- Verhalten: Essmuster erkennen, Auslöser für Essanfälle verstehen, Schlaf und Stress in den Blick nehmen. Verhaltenstherapeutische Programme unterstützen dabei.
In Deutschland bezuschussen viele Krankenkassen Ernährungs- und Bewegungskurse. Für Adipositas gibt es außerdem digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die ärztlich verordnet und von der gesetzlichen Krankenkasse erstattet werden können. Wie eine strukturierte Begleitung aussehen kann, beschreibt der Beitrag: Gewichtsreduktion mit ärztlicher Begleitung.
Medikamente als Ergänzung
Reicht die Basistherapie allein nicht aus, können Medikamente zur Gewichtsregulierung ergänzt werden. Zugelassen sind sie in der Regel für Erwachsene mit einem BMI ab 30 oder ab 27, wenn mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung besteht. Die Medikamente ersetzen Ernährungsumstellung und Bewegung nicht, sondern werden damit kombiniert.
In der EU stehen mehrere Wirkstoffgruppen zur Verfügung: GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid und Liraglutid, der kombinierte GIP- und GLP-1-Rezeptoragonist Tirzepatid sowie Orlistat und die Kombination Naltrexon/Bupropion. Tirzepatid ist in der EU sowohl für Typ-2-Diabetes als auch für das Gewichtsmanagement zugelassen. Die Wirkstoffe unterscheiden sich in Wirkprinzip, Anwendung und Nebenwirkungen. Das zeigt der Beitrag: Vergleich der Medikamente zur Gewichtsreduktion.
Die Medikamente sind für eine längerfristige Anwendung gedacht. Nach dem Absetzen nehmen viele Menschen wieder zu. Deshalb gehört vor Beginn ein Gespräch über realistische Ziele, mögliche Nebenwirkungen und die Frage dazu, wie es nach einer Behandlungspause weitergehen soll.
Operative Behandlung
Bei ausgeprägter Adipositas kann eine Operation am Magen-Darm-Trakt infrage kommen, etwa ein Schlauchmagen oder ein Magenbypass. In Betracht gezogen wird sie in der Regel ab einem BMI von 40 oder ab 35 mit gewichtsbedingten Begleiterkrankungen. In bestimmten Fällen, etwa bei schwer einstellbarem Typ-2-Diabetes, ist sie auch bei einem niedrigeren BMI möglich.
Vor einer Operation stehen eine gründliche Abklärung und eine Vorbereitung in einem spezialisierten Zentrum. Danach ist eine lebenslange Nachsorge nötig, unter anderem wegen des Risikos für Vitamin- und Mineralstoffmangel. Die Kosten können in Deutschland nach Antrag und in der Schweiz unter festgelegten Voraussetzungen von der Krankenversicherung übernommen werden.
Was online möglich ist und wo die Grenzen liegen
Ein Teil der Adipositasbehandlung lässt sich digital organisieren. Dazu gehören Informationsangebote, DiGA und die ärztliche Beurteilung, ob eine medikamentöse Behandlung vertretbar ist. Bei Doctorcura prüft ein zugelassener Arzt die Angaben aus einem medizinischen Online-Fragebogen. Ein Rezept wird nur ausgestellt, wenn die Behandlung medizinisch vertretbar ist, und die Abgabe erfolgt über eine registrierte Partnerapotheke in der EU.
Nicht online möglich sind körperliche Untersuchungen, Blutabnahmen oder eine Operation. Hinweise auf eine Essstörung gehören in eine fachliche Abklärung und Behandlung. Auch regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Blutzucker oder Nierenwerten gehören in eine Praxis vor Ort. Sinnvoll ist deshalb, die Hausarztpraxis über eine Behandlung zu informieren. Wann eine Behandlung aus der Ferne passt, erklärt der Ratgeber: Ärztliche Fernbehandlung bei Adipositas.
Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten
Lassen Sie eine Gewichtszunahme ärztlich abklären, wenn sie ohne erkennbaren Grund innerhalb kurzer Zeit auftritt. Dahinter können etwa eine Schilddrüsenunterfunktion, Wassereinlagerungen bei Herz- oder Nierenerkrankungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten stecken. Auch lautes Schnarchen mit Atemaussetzern und ausgeprägter Tagesmüdigkeit sollte untersucht werden, weil es auf eine Schlafapnoe hinweisen kann.
Bei wiederkehrenden Essanfällen, Erbrechen nach dem Essen oder starker seelischer Belastung ist eine persönliche Beratung wichtig. Bei Brustschmerzen oder plötzlicher Atemnot rufen Sie den Notruf 112 (Schweiz: 144). Für Kinder und Jugendliche mit Übergewicht ist die kinderärztliche Praxis die erste Anlaufstelle.
Häufige Fragen
Ab welchem BMI spricht man von Adipositas?
Ab einem BMI von 30. Zwischen 25 und 29,9 spricht man von Übergewicht. Für die Behandlungsplanung zählen zusätzlich Taillenumfang, Begleiterkrankungen und die persönliche Situation.
Lässt sich Adipositas ohne Medikamente behandeln?
Ja. Ernährungsumstellung, Bewegung und verhaltenstherapeutische Unterstützung sind die Grundlage jeder Behandlung und können allein zu einer relevanten Gewichtsabnahme führen. Medikamente oder eine Operation kommen hinzu, wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen und medizinische Gründe dafür sprechen.
Werden Medikamente gegen Adipositas auch online verschrieben?
Eine Verordnung ist nach ärztlicher Prüfung eines medizinischen Fragebogens möglich, wenn die Behandlung im Einzelfall vertretbar ist. Einen Anspruch auf ein Rezept gibt es nicht. Bei unklaren Angaben oder Risiken kann die Ärztin oder der Arzt eine Abklärung vor Ort empfehlen.
Wer übernimmt die Kosten einer Adipositas-Operation?
In Deutschland kann die gesetzliche Krankenkasse die Kosten nach Antrag übernehmen, wenn die medizinischen Voraussetzungen erfüllt sind. In der Schweiz übernimmt die Grundversicherung eine Operation unter festgelegten Bedingungen in anerkannten Zentren. Das behandelnde Zentrum berät zum Antrag.
Weitere Informationen zu Übergewicht, Adipositas und den Behandlungsmöglichkeiten finden Sie auf unserer Informationsseite.