Fachlich geprüft vom medizinischen Team von Doctorcura am 26. September 2026, Stand: 25. September 2026 · So entstehen unsere Inhalte
Der Begriff „Abnehmspritze“ ist in der Umgangssprache angekommen, sagt aber nichts darüber, wer ein solches Arzneimittel erhalten darf. Die Wirkstoffe sind verschreibungspflichtig, und ihre Zulassung nennt klare Voraussetzungen: einen bestimmten Body-Mass-Index, gegebenenfalls eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung und eine Behandlung, die Ernährung und Bewegung ergänzt, nicht ersetzt. Dieser Beitrag erklärt, welche Voraussetzungen für eine Abnehmspritze bei Erwachsenen gelten, welche BMI-Grenzen die Zulassung nennt, wann eine Behandlung ausgeschlossen ist und was Ärztinnen und Ärzte vor einem Rezept prüfen.
Das Wichtigste in Kürze
- Semaglutid, Tirzepatid und Liraglutid sind zur Gewichtsregulierung ab einem BMI von 30 kg/m² zugelassen, oder ab 27 kg/m², wenn mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung wie Bluthochdruck, Prädiabetes, Typ-2-Diabetes, eine Fettstoffwechselstörung oder Schlafapnoe vorliegt.
- Die S3-Leitlinie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft sieht eine medikamentöse Therapie nur in Kombination mit Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie vor.
- Nicht angewendet oder nicht empfohlen wird die Behandlung unter anderem in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Typ-1-Diabetes, schwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung und bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff.
- Ob ein Wirkstoff in Frage kommt, entscheidet die ärztliche Prüfung im Einzelfall. Maßgeblich sind die Fachinformation und die Packungsbeilage.
Was mit „Abnehmspritze“ gemeint ist
Gemeint sind Arzneimittel mit den Wirkstoffen Semaglutid, Tirzepatid oder Liraglutid, die unter die Haut gespritzt werden. Sie ahmen körpereigene Darmhormone nach, verzögern die Magenentleerung und verstärken das Sättigungsgefühl. Semaglutid und Liraglutid sind GLP-1-Rezeptoragonisten, Tirzepatid wirkt zusätzlich am GIP-Rezeptor. Alle drei sind in der EU zur Gewichtsregulierung zugelassen, als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts hat fast ein Fünftel der Erwachsenen in Deutschland eine Adipositas. Die Weltgesundheitsorganisation und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft stufen sie als chronische Krankheit ein.
Abnehmspritze: Voraussetzungen und BMI-Grenzen laut Zulassung
Ab 30 kg/m², oder ab 27 kg/m² mit Begleiterkrankung
Die Fachinformationen der drei Wirkstoffe nennen für Erwachsene dieselbe Schwelle: einen Ausgangs-BMI von mindestens 30 kg/m², was der Definition von Adipositas entspricht, oder einen BMI von 27 bis unter 30 kg/m², wenn mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung vorliegt. Als Beispiele werden Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und obstruktive Schlafapnoe genannt, bei Semaglutid und Tirzepatid zusätzlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Unter 27 kg/m² sind die Zulassungsvoraussetzungen nicht erfüllt.
Was der BMI aussagt und was nicht
Der BMI ist das Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Werte von 25 bis 29,9 kg/m² gelten als Übergewicht, ab 30 kg/m² als Adipositas. Weil der BMI nichts über die Fettverteilung aussagt, empfiehlt die Deutsche Adipositas-Gesellschaft, ab einem BMI von 25 kg/m² auch den Taillenumfang zu messen: Ab 88 cm bei Frauen und ab 102 cm bei Männern ist das Risiko für Folgeerkrankungen deutlich erhöht.
Altersgrenzen
Tirzepatid ist zur Gewichtsregulierung nur für Erwachsene zugelassen. Semaglutid und Liraglutid dürfen unter engen Zusatzkriterien auch bei Jugendlichen ab 12 Jahren eingesetzt werden; das gehört in eine spezialisierte Praxis und ist nicht Gegenstand einer Online-Prüfung.
Was die Leitlinie ergänzt
Die im Oktober 2024 aktualisierte S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“ geht von einer multimodalen Basistherapie aus Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und Verhaltensänderung aus. Erst wenn die persönlichen Therapieziele damit nicht erreicht oder gehalten werden, kann die Behandlung medikamentös unterstützt werden, und zwar nur in Kombination mit dieser Basistherapie. Die Leitlinie nennt dieselben BMI-Schwellen wie die Zulassung und verlangt, den Erfolg regelmäßig zu bewerten.
Wann eine Abnehmspritze nicht in Frage kommt
Die einzige formale Gegenanzeige der drei Wirkstoffe ist eine Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen sonstigen Bestandteil. Darüber hinaus nennen die Fachinformationen Situationen, in denen die Anwendung nicht empfohlen wird, weil sie nicht untersucht wurde oder das Risiko erhöht ist:
- Schwangerschaft: Semaglutid und Liraglutid dürfen nicht angewendet werden, Tirzepatid wird nicht empfohlen. Bei Kinderwunsch ist Semaglutid mindestens zwei Monate, Tirzepatid mindestens einen Monat vor einer geplanten Schwangerschaft abzusetzen. Frauen im gebärfähigen Alter wird eine Verhütung empfohlen.
- Stillzeit: Semaglutid und Liraglutid dürfen nicht angewendet werden. Für Tirzepatid nennt die Fachinformation keine Anwendungsbeschränkung; hier entscheidet die Ärztin oder der Arzt.
- Typ-1-Diabetes, schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung und Herzinsuffizienz im NYHA-Stadium IV: Semaglutid wird nicht empfohlen, Liraglutid bei schwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung und NYHA-Stadium IV ebenso. Für Tirzepatid nennt die Fachinformation bei schwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung Vorsicht.
- Frühere Entzündung der Bauchspeicheldrüse: Vorsicht. Wird unter der Behandlung eine akute Pankreatitis bestätigt, darf der Wirkstoff nicht wieder eingesetzt werden.
- Schwere Magen-Darm-Erkrankungen wie eine ausgeprägte Gastroparese sowie entzündliche Darmerkrankungen: nicht empfohlen oder nur mit Vorsicht.
- Diabetische Retinopathie: engmaschige Kontrolle; bei unkontrollierter Retinopathie wird Semaglutid nicht empfohlen.
- Gleichzeitige Anwendung anderer Mittel zur Gewichtsregulierung: nicht empfohlen.
Wer Insulin oder Sulfonylharnstoffe anwendet, hat ein erhöhtes Risiko für Unterzuckerungen; die Dosis dieser Mittel muss gegebenenfalls angepasst werden. Vor einer Vollnarkose oder tiefen Sedierung muss das Narkoseteam von der Behandlung wissen, weil wegen der verzögerten Magenentleerung Fälle von Aspirationspneumonie berichtet wurden.
Was die ärztliche Prüfung umfasst
Bei einer Online-Behandlung tritt ein strukturierter Fragebogen an die Stelle des Anamnesegesprächs. Ärztinnen und Ärzte prüfen die Angaben und entscheiden, ob und welcher Wirkstoff in Frage kommt. Eine Anfrage ist kein Rezept: Die Prüfung kann mit einer Ablehnung enden, etwa wenn die BMI-Kriterien nicht erfüllt sind, die Angaben widersprüchlich sind oder eine Schwangerschaft besteht oder geplant ist.
Körperdaten und Vorgeschichte
Abgefragt werden Körpergröße, Gewicht und Taillenumfang, bisherige Abnehmversuche, Blutdruckwerte und, soweit vorhanden, Laborwerte wie HbA1c, Blutfette und Nierenfunktion. Daraus ergibt sich, ob der BMI die Schwelle erreicht und ob eine Begleiterkrankung belegt ist.
Erkrankungen, Arzneimittel und Lebensumstände
Der zweite Teil betrifft Diagnosen: Diabetes und dessen Behandlung, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafapnoe, eine frühere Entzündung der Bauchspeicheldrüse, Gallensteine, Nieren-, Leber-, Schilddrüsen- und Augenerkrankungen sowie Essstörungen. Dazu kommen alle Arzneimittel mit Dosierung, Allergien, Schwangerschaft, Stillzeit, Verhütung, frühere GLP-1-Behandlungen und geplante Operationen.
Dosisschema und Verlauf
Alle drei Wirkstoffe werden einschleichend dosiert, um Magen-Darm-Beschwerden zu verringern. Semaglutid wird laut Fachinformation über 16 Wochen von 0,25 mg auf die übliche Erhaltungsdosis von 2,4 mg wöchentlich gesteigert, Tirzepatid beginnt mit 2,5 mg wöchentlich und wird frühestens alle vier Wochen um 2,5 mg erhöht. Welche Dosis für Sie gilt, legt die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt fest.
Warnzeichen, bei denen Sie ärztlichen Rat brauchen
Die häufigsten Nebenwirkungen sind Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen und Erbrechen, vor allem in der Steigerungsphase. Sofort ärztlich abklären lassen sollten Sie starke und anhaltende Bauchschmerzen als mögliches Zeichen einer Bauchspeicheldrüsenentzündung, anhaltendes Erbrechen oder Durchfall mit Flüssigkeitsmangel, weil sich daraus die Nierenfunktion verschlechtern kann, einen plötzlichen Sehverlust unter Semaglutid und anhaltendes Herzrasen in Ruhe unter Liraglutid. Auch Gallensteine wurden häufiger beobachtet; neue Oberbauchbeschwerden gehören deshalb in ärztliche Hände.
Woran Sie ein seriöses Verfahren erkennen
Die genannten Wirkstoffe sind verschreibungspflichtig und gehören nach Einschätzung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft zwingend unter ärztliche Kontrolle. Ein seriöses Online-Angebot lässt die Anfrage von approbierten Ärztinnen und Ärzten prüfen, behält sich eine Ablehnung vor und gibt das Arzneimittel über eine Apotheke ab, die in einem amtlichen Register geführt wird. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat 2023 über gefälschte Fertigpens eines semaglutidhaltigen Arzneimittels informiert, die Insulin statt Semaglutid enthielten. Angebote ohne ärztliche Prüfung sind deshalb gefährlich.
Weitere Punkte, die vor Beginn geklärt werden
Behandelbare Ursachen und Essverhalten
Vor einer Behandlung wird geprüft, ob hinter der Gewichtszunahme eine behandelbare Ursache steckt, etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder Medikamente, die das Gewicht erhöhen können, zum Beispiel Kortison, bestimmte Antidepressiva oder Neuroleptika. Solche Ursachen sind keine Gegenanzeige, sollten aber zuerst behandelt oder berücksichtigt werden. Bei wiederkehrenden Essanfällen, Erbrechen nach dem Essen oder sehr restriktivem Essverhalten ist zunächst eine fachliche Abklärung nötig, weil ein gedämpfter Appetit solche Muster verstärken oder überdecken kann.
BMI-Grenzen an einem Beispiel
Bei einer Körpergröße von 1,70 Metern entsprechen 87 Kilogramm etwa einem BMI von 30 und 78 Kilogramm etwa einem BMI von 27.
Realistische Ziele
Die S3-Leitlinie nennt als Ziel innerhalb von sechs bis zwölf Monaten eine Abnahme von mindestens 5 Prozent des Ausgangsgewichts bei einem BMI von 25 bis 34,9 und von mindestens 10 Prozent ab einem BMI von 35. Wie viel mit einem Medikament im Einzelfall erreichbar ist, lässt sich vorab nicht sagen.
Hinweise zu einzelnen Situationen
- Verhütung unter Tirzepatid: Die EU-Fachinformation hält keine Anpassung oraler Verhütungsmittel für nötig. Die britische Arzneimittelbehörde MHRA empfiehlt Frauen mit Übergewicht oder Adipositas, die mit der Pille verhüten, dennoch zusätzlich ein Kondom oder eine Methode ohne Tabletten, jeweils für 4 Wochen nach Behandlungsbeginn und nach jeder Dosiserhöhung.
- Gerinnungshemmer vom Cumarin-Typ: Unter Semaglutid empfiehlt die Fachinformation zu Beginn häufigere Kontrollen des INR-Werts.
- Höheres Alter: Ab 85 Jahren liegen für Semaglutid nur begrenzte Erfahrungen vor.
- Typ-2-Diabetes: Beziehen Sie die Praxis ein, die Ihren Diabetes betreut, damit Insulin oder andere blutzuckersenkende Mittel rechtzeitig angepasst und die Werte engmaschig kontrolliert werden.
- Wechsel von einem anderen Präparat: Ein Wechsel ist nur ärztlich geplant möglich, die bisherige Dosis lässt sich nicht einfach übertragen. Geben Sie an, welches Präparat Sie in welcher Dosis und wie lange angewendet haben.
Häufige Fragen
Kann ich eine Abnehmspritze mit einem BMI unter 27 erhalten?
Nein. Die Zulassung setzt einen BMI von mindestens 30 kg/m² voraus oder einen BMI von 27 bis unter 30 kg/m² mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung. Darunter lehnt die ärztliche Prüfung die Anfrage ab.
Zählt Bluthochdruck als Begleiterkrankung?
Ja. Die Fachinformationen nennen Hypertonie ausdrücklich, ebenso Prädiabetes, Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und obstruktive Schlafapnoe.
Was gilt bei Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit?
Semaglutid und Liraglutid dürfen weder in der Schwangerschaft noch in der Stillzeit angewendet werden. Tirzepatid wird in der Schwangerschaft nicht empfohlen; für die Stillzeit nennt die Fachinformation keine Anwendungsbeschränkung. Wer schwanger werden möchte, muss Semaglutid mindestens zwei Monate und Tirzepatid mindestens einen Monat vorher absetzen. Sprechen Sie in jedem Fall mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Muss ich die Behandlung dauerhaft fortsetzen?
Die Leitlinie weist darauf hin, dass es nach dem Absetzen häufig zu einer erneuten Gewichtszunahme kommt, und empfiehlt, die Basistherapie aufrechtzuerhalten. Der Erfolg soll regelmäßig ärztlich bewertet werden; die Dauer ist eine Entscheidung im Einzelfall.
Quellen
- EMA: Fachinformation Semaglutid 2,4 mg zur Gewichtsregulierung. ema.europa.eu
- EMA: Fachinformation Tirzepatid. ema.europa.eu
- EMA: Fachinformation Liraglutid 3,0 mg zur Gewichtsregulierung. ema.europa.eu
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft: S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas, AWMF-Register 050-001, Version 5.0, Oktober 2024. register.awmf.org · Langfassung (PDF)
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft: Definition von Adipositas. adipositas-gesellschaft.de
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft: Adipositas-Medikamente, Antworten auf häufige Fragen. adipositas-gesellschaft.de
- IQWiG, gesundheitsinformation.de: Starkes Übergewicht (Adipositas). gesundheitsinformation.de
- Robert Koch-Institut: Themenschwerpunkt Übergewicht und Adipositas. rki.de
- BfArM: Fälschung eines semaglutidhaltigen Arzneimittels, Rapid Alert System. bfarm.de
Was Doctorcura zum Gewichtsmanagement anbietet und welche Angaben der Fragebogen abfragt, lesen Sie auf den folgenden Seiten.
Gewichtsmanagement bei Doctorcura · Semaglutid und Tirzepatid im Vergleich · Angaben für die GLP-1-Behandlung
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