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Ratgeber

Semaglutid als Tablette: Was die EU-Zulassung bedeutet und für wen sie infrage kommt

Gewichtsverlust Medikamente Vergleich im Überblick

Fachlich geprüft vom medizinischen Team von Doctorcura am 3. Oktober 2026, Stand: 5. Oktober 2026 · So entstehen unsere Inhalte

Semaglutid, ein GLP-1-Rezeptoragonist zur Gewichtsregulierung, war in der EU bisher nur als wöchentliche Injektion zugelassen. Im Mai 2026 hat der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) empfohlen, die Zulassung um eine Tablette zur einmal täglichen Einnahme zu erweitern; am 14. Juli 2026 hat die Europäische Kommission diese Erweiterung zugelassen, und seit September 2026 ist die Tablette in deutschen Apotheken erhältlich. Dieser Beitrag erklärt, was das bedeutet, worin sich Tablette und Injektion unterscheiden und für wen die Tablette nach ärztlicher Prüfung infrage kommt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der CHMP hat am 21. Mai 2026 eine positive Stellungnahme zu Semaglutid-Tabletten in den Stärken 1,5 mg, 4 mg, 9 mg und 25 mg abgegeben; die Europäische Kommission hat die Zulassungserweiterung am 14. Juli 2026 erteilt.
  • Die Tablette ist nur für Erwachsene zugelassen und wird einmal täglich nüchtern nach mindestens 8 Stunden ohne Essen eingenommen, danach 30 Minuten warten.
  • In der Zulassungsstudie lag die mittlere Gewichtsabnahme nach 64 Wochen bei rund 14 Prozent gegenüber rund 2 Prozent unter Placebo, jeweils mit Ernährungs- und Bewegungsbegleitung.
  • In Deutschland ist die Tablette seit dem 1. September 2026 in den Apotheken erhältlich. Für die Schweiz läuft das Zulassungsverfahren bei Swissmedic noch.

Was EMA und Europäische Kommission entschieden haben

Am 21. Mai 2026 hat der CHMP eine positive Stellungnahme zu einer neuen Darreichungsform abgegeben: Tabletten zum Einnehmen in vier Stärken (1,5 mg, 4 mg, 9 mg und 25 mg). Die Indikation entspricht der des Fertigpens: Gewichtsregulierung bei Erwachsenen mit Adipositas (BMI ab 30 kg/m²) oder mit Übergewicht (BMI ab 27 kg/m²) und mindestens einer gewichtsbezogenen Begleiterkrankung, jeweils ergänzend zu kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung. Laut EMA ist es der erste oral anwendbare GLP-1-Rezeptoragonist zur Gewichtsregulierung.

Die Europäische Kommission hat die Zulassungserweiterung am 14. Juli 2026 erteilt (Verfahren EMA/X/0000296344). Die EMA-Produktinformation (Stand 21. September 2026) führt das Arzneimittel, das unter dem Handelsnamen Wegovy vertrieben wird, seither als Fertigpen und als Tablette. Der Pen ist für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren zugelassen, die Tablette nur für Erwachsene. Die zentrale Zulassung gilt in allen EU-Staaten, also auch in Deutschland und Österreich. In Deutschland ist die Tablette nach Angaben der Apothekenfachpresse seit dem 1. September 2026 erhältlich. Für die Schweiz entscheidet Swissmedic in einem eigenen Verfahren; der Zulassungsantrag ist eingereicht, eine Entscheidung lag zum Stand dieses Artikels (Anfang Oktober 2026) noch nicht vor.

Tablette oder wöchentliche Injektion: Einnahme und Dosisstufen

Der Wirkstoff ist derselbe, die Anwendung unterscheidet sich deutlich. Der Fertigpen wird einmal pro Woche unter die Haut gespritzt, die Tablette einmal täglich eingenommen. Weil Semaglutid als Peptid im Magen-Darm-Trakt nur zu einem kleinen Teil aufgenommen wird, gelten laut Fachinformation feste Einnahmeregeln:

  • Einnahme auf leeren Magen nach mindestens 8 Stunden ohne Essen, in der Praxis meist morgens vor dem Frühstück.
  • Die Tablette wird unzerteilt mit einem Schluck Wasser geschluckt, höchstens ein halbes Glas (etwa 120 ml); nicht teilen, zerdrücken oder zerkauen.
  • Danach mindestens 30 Minuten nichts essen oder trinken und keine anderen Arzneimittel einnehmen, sonst sinkt die Aufnahme.
  • Nur eine Tablette pro Tag. Eine vergessene Dosis wird ausgelassen, die nächste folgt am nächsten Tag.

Auch bei der Tablette wird die Dosis schrittweise gesteigert, um Magen-Darm-Beschwerden zu verringern: Start mit 1,5 mg täglich, nach jeweils mindestens vier Wochen 4 mg, 9 mg und schließlich 25 mg als Erhaltungsdosis. Bei der Injektion liegt die Erhaltungsdosis bei 2,4 mg pro Woche. Wer diese Dosis bereits spritzt, kann laut Fachinformation eine Woche nach der letzten Injektion auf die 25-mg-Tablette wechseln; da die Aufnahme bei der Tablette stärker schwankt, lässt sich die Wirkung eines Wechsels aber nicht sicher vorhersagen. Grundlagen zur Dosissteigerung erklärt der Beitrag GLP-1-Therapie für Einsteiger, einen Vergleich der Wirkstoffe finden Sie unter Semaglutid und Tirzepatid.

Was die Zulassungsstudie zeigt

Grundlage der Empfehlung ist die Studie OASIS 4 (New England Journal of Medicine, September 2025): 307 Erwachsene ohne Diabetes mit einem BMI ab 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankung erhielten über 64 Wochen täglich 25 mg Semaglutid als Tablette (205 Personen) oder Placebo (102 Personen), jeweils mit Ernährungs- und Bewegungsbegleitung. Nach 64 Wochen lag die geschätzte mittlere Gewichtsveränderung bei minus 13,6 Prozent unter Semaglutid und minus 2,2 Prozent unter Placebo; die EMA fasst das als rund 14 gegenüber rund 2 Prozent zusammen. Magen-Darm-Beschwerden traten bei 74,0 Prozent unter Semaglutid und bei 42,2 Prozent unter Placebo auf. Laut Fachinformation waren Wirksamkeit und Sicherheit mit denen der Injektion in der Studie STEP 1 vergleichbar. Das sind Mittelwerte; der individuelle Verlauf kann deutlich abweichen, und 18 Prozent der Semaglutid-Gruppe beendeten die Behandlung vorzeitig.

Für wen die Tablette infrage kommt und für wen nicht

Die deutsche S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas (Version 5.0, Oktober 2024) sieht eine medikamentöse Therapie bei den genannten BMI-Grenzen als Option, wenn die Ziele mit der multimodalen Basistherapie aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie nicht erreicht oder gehalten werden. Jugendliche sind von der Tablettenzulassung ausgenommen. Einen Überblick über alle Therapiewege gibt der Beitrag Behandlungsoptionen bei Adipositas.

Nicht geeignet oder nur mit Vorsicht einsetzbar ist Semaglutid laut Fachinformation in folgenden Situationen:

  • Schwangerschaft, Kinderwunsch, Stillzeit: In der Schwangerschaft darf Semaglutid nicht angewendet werden; wegen der langen Halbwertszeit soll es mindestens zwei Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden; auch in der Stillzeit ist es nicht anzuwenden.
  • Typ-1-Diabetes: nicht untersucht, Anwendung nicht empfohlen.
  • Pankreatitis in der Vorgeschichte: Akute Bauchspeicheldrüsenentzündungen wurden unter GLP-1-Rezeptoragonisten beobachtet; bei früherer Pankreatitis ist Vorsicht geboten, bei Verdacht wird die Behandlung beendet.
  • Schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung, schwere Herzinsuffizienz (NYHA IV): keine Daten, Anwendung nicht empfohlen.
  • Diabetische Retinopathie: engmaschige Kontrollen erforderlich.
  • Schilddrüse: Bei Nagetieren wurden C-Zell-Tumoren der Schilddrüse als Klasseneffekt der GLP-1-Rezeptoragonisten beobachtet; Ärztinnen und Ärzte fragen deshalb üblicherweise nach einem medullären Schilddrüsenkarzinom in der eigenen oder familiären Vorgeschichte. Wer Levothyroxin einnimmt, sollte dies angeben.
  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen Bestandteil ist die einzige formale Gegenanzeige in der EU-Fachinformation.

Nebenwirkungen und was eine ärztliche Prüfung umfasst

Die häufigsten Nebenwirkungen sind laut EMA Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen. In der Zulassungsstudie berichteten über 64 Wochen 46,6 Prozent der Behandelten über Übelkeit (Placebo: 18,6 Prozent) und 30,9 Prozent über Erbrechen (5,9 Prozent); die Beschwerden traten vor allem während der Dosissteigerung auf und waren meist leicht bis mittelschwer. Sehr selten ist die nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION), eine Durchblutungsstörung des Sehnervs: Laut Pharmakovigilanzausschuss PRAC der EMA (6. Juni 2025) kann sie bis zu 1 von 10.000 Behandelten betreffen; das Risiko ist etwa verdoppelt, das entspricht ungefähr einem zusätzlichen Fall pro 10.000 Personenjahre. Bei plötzlichem Sehverlust soll die Behandlung beendet und sofort augenärztlich untersucht werden. Mehr dazu im Beitrag Semaglutid: Nebenwirkungen.

Vor einer Verordnung prüft die Ärztin oder der Arzt die Voraussetzungen und mögliche Gegengründe: Größe, Gewicht und BMI; Begleiterkrankungen; alle Medikamente, insbesondere Insulin, Sulfonylharnstoffe und Levothyroxin; Vorerkrankungen von Bauchspeicheldrüse, Schilddrüse, Nieren, Leber, Herz und Augen; bestehende oder geplante Schwangerschaft; bisherige Maßnahmen; geplante Eingriffe in Narkose, weil die verzögerte Magenentleerung das Aspirationsrisiko erhöht. Bei einer Online-Konsultation läuft diese Prüfung über einen medizinischen Fragebogen und bei Bedarf Rückfragen; mehr dazu auf der Seite Online-Arzt. Sprechen Befunde gegen den Wirkstoff, wird kein Rezept ausgestellt; typische Gründe nennt der Beitrag Wann wird ein Online-Rezept abgelehnt?. Informationen zum Behandlungsbereich Gewichtsmanagement finden Sie unter Gewichtsmanagement.

Lebensstil bleibt die Grundlage, auch nach dem Absetzen

Die Zulassung gilt ausdrücklich als Ergänzung zu kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung. Die S3-Leitlinie bezeichnet die multimodale Basistherapie als Grundlage jeder Adipositastherapie, die auch unter medikamentöser Behandlung fortgeführt werden sollte, und weist darauf hin, dass es nach dem Ende der medikamentösen Therapie in der Regel zu einer erneuten Gewichtszunahme kommt. Eine in der Leitlinie zitierte Studie zur wöchentlichen Injektion (902 Teilnehmende) zeigt: Nach durchschnittlich 10,6 Prozent Gewichtsabnahme in 20 Wochen nahmen diejenigen, die auf Placebo wechselten, bis Woche 68 im Mittel 6,9 Prozent wieder zu, während die Weiterbehandelten weitere 7,9 Prozent abnahmen. Für die Tablette nennt die Fachinformation keine eigenen Absetzdaten; da der Wirkstoff derselbe ist, ist ein ähnlicher Verlauf plausibel. Über Dauer und Ende einer Behandlung entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen

Ersetzt die Tablette die wöchentliche Injektion?

Sie ist eine Alternative mit demselben Wirkstoff. Die Injektion bleibt zugelassen, auch für Jugendliche ab 12 Jahren. Welche Form passt, hängt unter anderem davon ab, ob die tägliche Nüchterneinnahme zuverlässig gelingt.

Warum muss die Tablette nüchtern eingenommen werden?

Nahrung, Getränke und andere Tabletten verringern die ohnehin geringe Aufnahme des Wirkstoffs aus dem Magen. Deshalb gilt: mindestens 8 Stunden nichts essen, mit höchstens etwa 120 ml Wasser schlucken, danach 30 Minuten warten.

Gilt die EU-Zulassung auch in der Schweiz?

Nein. Swissmedic entscheidet in einem eigenen Verfahren. Der Hersteller hat den Antrag eingereicht; eine Entscheidung lag zum Stand dieses Artikels noch nicht vor. Sobald sie vorliegt, aktualisieren wir diesen Beitrag.

Quellen

  1. Semaglutid zur Gewichtsregulierung: Europäischer öffentlicher Beurteilungsbericht (EPAR), Produktseite (Europäische Arzneimittel-Agentur EMA, Stand 21.09.2026)
  2. Meeting highlights from the Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) 18-21 May 2026 (EMA, Mai 2026)
  3. CHMP Assessment Report zur Zulassungserweiterung um Tabletten (1,5 mg, 4 mg, 9 mg, 25 mg) (EMA/CHMP, 21.05.2026)
  4. Procedural steps taken and scientific information after the authorisation: Verfahren EMA/X/0000296344, Kommissionsentscheidung 14.07.2026 (EMA, 2026)
  5. Semaglutid: Markteinführung der Tablette zum 1. September (Das PTA Magazin, 14.08.2026)
  6. Abnehmpille: Swissmedic prüft die Zulassung für die Schweiz (20 Minuten, 02.09.2026)
  7. Produktinformation (Fachinformation) Semaglutid zur Gewichtsregulierung, Fertigpen und Tabletten (EMA, 2026)
  8. PRAC concludes eye condition NAION is a very rare side effect of semaglutide medicines (EMA, 06.06.2025)
  9. Wharton S et al.: Oral Semaglutide at a Dose of 25 mg in Adults with Overweight or Obesity (OASIS 4) (N Engl J Med 2025;393:1077-1087, PubMed)
  10. S3-Leitlinie Adipositas: Prävention und Therapie, Version 5.0 (Deutsche Adipositas-Gesellschaft, AWMF-Register 050-001, Oktober 2024)
Zum Behandlungsbereich Gewichtsmanagement

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Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112 (Schweiz: 144).

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