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Ratgeber

Orforglipron, Retatrutid und CagriSema: Was in der EU zugelassen ist und was nicht

Gewichtsverlust Medikamente Vergleich im Überblick

Fachlich geprüft vom medizinischen Team von Doctorcura am 3. Oktober 2026, Stand: 12. Oktober 2026 · So entstehen unsere Inhalte

Neue Wirkstoffe gegen Adipositas machen Schlagzeilen: eine Tablette ohne Peptid, ein dreifacher Hormon-Agonist, eine Kombination aus zwei Injektionswirkstoffen. Sind sie bald erhältlich, oder gibt es sie heute schon irgendwo?

Dieser Artikel ordnet den Stand vom Oktober 2026 für Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein: Was zeigen die Studien zu Orforglipron, Retatrutid und CagriSema, was hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) bisher entschieden, und warum heißt „in Studie“ nicht „verfügbar“.

Das Wichtigste in Kürze

  • Keiner der drei Wirkstoffe Orforglipron, Retatrutid und CagriSema war im Oktober 2026 in der EU zugelassen.
  • Orforglipron wird bei der EMA geprüft, ein Votum stand im September 2026 aus. In den USA (seit 1. April 2026) und Großbritannien (seit 10. August 2026) ist die Tablette zugelassen.
  • Retatrutid und CagriSema sind nirgends zugelassen; für CagriSema läuft ein Antrag in den USA.
  • In Studien sank das Gewicht im Mittel um bis zu 11,2 Prozent (Orforglipron), 25,0 Prozent (Retatrutid) und 20,4 Prozent (CagriSema), unter Placebo um 2 bis 4 Prozent.
  • Angebote im Internet, die diese Stoffe als „Forschungspeptide“ verkaufen, sind keine Arzneimittel. Zugelassene Wirkstoffe mit ärztlicher Begleitung gibt es bereits.

Zugelassen, beantragt oder in Studie: Was die Begriffe bedeuten

Ein Wirkstoff durchläuft drei Studienphasen, bevor ein Hersteller eine Zulassung beantragen kann. Erst in Phase 3 wird an mehreren tausend Menschen über ein bis zwei Jahre geprüft, ob das Mittel wirkt und wie verträglich es ist. Gute Ergebnisse sind die Voraussetzung für einen Antrag, nicht die Zulassung selbst.

In der EU prüft der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA den Antrag: erst mit einer Fragenliste, dann mit einer Liste offener Punkte, am Ende mit einem Votum. Danach entscheidet die Europäische Kommission. Erst dann darf das Mittel in Deutschland, Österreich und den übrigen EU-Ländern verschrieben werden. Die Schweiz (Swissmedic) und Großbritannien (MHRA) haben eigene Verfahren. Eine Zulassung in den USA sagt deshalb nichts über Europa aus. Ohne Zulassung gibt es den Wirkstoff legal nur innerhalb einer klinischen Studie.

Orforglipron: GLP-1-Wirkung als Tablette ohne Peptid

Orforglipron ist ein kleines Molekül, kein Peptid. Es aktiviert den Rezeptor des Darmhormons GLP-1, wird im Magen nicht abgebaut und kann deshalb einmal täglich als Tablette ohne Vorgaben zu Essen oder Trinken eingenommen werden.

In der Phase-3-Studie ATTAIN-1 (New England Journal of Medicine, 16. September 2025) erhielten 3127 Erwachsene mit Adipositas ohne Diabetes 72 Wochen lang Orforglipron in drei Dosierungen oder Placebo. Mit der höchsten Dosis sank das Gewicht im Mittel um 11,2 Prozent, unter Placebo um 2,1 Prozent; 18,4 Prozent dieser Gruppe verloren mindestens 20 Prozent. Wegen Nebenwirkungen brachen 5,3 bis 10,3 Prozent ab, unter Placebo 2,7 Prozent. Häufigste Nebenwirkung waren meist leichte bis mittelschwere Magen-Darm-Beschwerden. In ACHIEVE-1 (New England Journal of Medicine, 21. Juni 2025) sank bei 559 Menschen mit frühem Typ-2-Diabetes der Langzeitblutzuckerwert HbA1c in 40 Wochen je nach Dosis um 1,24 bis 1,48 Prozentpunkte (Placebo: 0,41), ohne schwere Unterzuckerungen.

Zulassungsstatus im Oktober 2026

  • EU: nicht zugelassen. Die EMA prüft den Antrag für Adipositas und Typ-2-Diabetes (Verfahren EMEA/H/C/006632): Fragenliste am 21. Mai 2026, Liste offener Punkte in der Sitzung vom 14. bis 17. September 2026. Ein Votum lag Anfang Oktober 2026 nicht vor.
  • USA: zugelassen seit 1. April 2026 zur Gewichtsreduktion bei Adipositas oder bei Übergewicht mit Begleiterkrankung.
  • Großbritannien: zugelassen seit 10. August 2026 für Gewichtsmanagement und Typ-2-Diabetes; häufigste Nebenwirkungen laut MHRA sind Übelkeit, Verstopfung, Durchfall und Erbrechen.

Retatrutid: drei Rezeptoren auf einmal

Retatrutid, ein Peptid zur wöchentlichen Injektion, aktiviert gleichzeitig die Rezeptoren für GLP-1, für das Darmhormon GIP und für Glukagon, das den Energieverbrauch steigert.

In der Phase-3-Studie TRIUMPH-1 (New England Journal of Medicine, 29. September 2026) erhielten 2339 Erwachsene mit Adipositas ohne Diabetes 80 Wochen lang 4, 9 oder 12 Milligramm Retatrutid oder Placebo. Das Gewicht sank im Mittel um 17,6, 23,7 beziehungsweise 25,0 Prozent, unter Placebo um 3,9 Prozent; die häufigsten Nebenwirkungen betrafen den Magen-Darm-Trakt.

Zulassungsstatus: Retatrutid ist nirgends zugelassen. Auf der CHMP-Agenda vom September 2026 taucht der Wirkstoff nicht auf, ein Antrag war öffentlich nicht bekannt. Die FDA stellt fest, dass Retatrutid kein Bestandteil eines zugelassenen Arzneimittels ist und für keine Erkrankung als sicher und wirksam gilt.

CagriSema: Amylin-Analogon plus Semaglutid

CagriSema kombiniert Cagrilintid, ein lang wirkendes Analogon des Sättigungshormons Amylin, mit dem GLP-1-Rezeptor-Agonisten Semaglutid; beide werden einmal wöchentlich gespritzt.

In REDEFINE 1 (New England Journal of Medicine, 22. Juni 2025) nahmen 3417 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas ohne Diabetes 68 Wochen lang teil. Unter der Kombination sank das Gewicht im Mittel um 20,4 Prozent, unter Placebo um 3,0 Prozent. Magen-Darm-Beschwerden traten bei 79,6 Prozent der Behandelten auf (Placebo: 39,9 Prozent), meist vorübergehend und leicht bis mittelschwer.

Ein direkter Vergleich mit Tirzepatid fiel anders aus als erhofft: Nach Herstellerangaben vom 23. Februar 2026 erreichten in der offenen Studie REDEFINE 4 (809 Teilnehmende, 84 Wochen) die Behandelten unter CagriSema 23,0 Prozent Gewichtsabnahme, unter Tirzepatid 25,5 Prozent; das Ziel der Nichtunterlegenheit wurde verfehlt.

Zulassungsstatus: CagriSema ist nirgends zugelassen. In den USA hat der Hersteller nach eigenen Angaben im Dezember 2025 einen Antrag eingereicht und erwartet eine Entscheidung gegen Ende 2026. Für die EU war kein Antrag öffentlich bekannt, auf der CHMP-Agenda vom September 2026 steht die Kombination nicht.

Weitere Kandidaten und was noch offen ist

Survodutid (GLP-1 und Glukagon) hat Phase-3-Ergebnisse, die der Hersteller 2026 gemeldet hat; zugelassen ist es nicht. Maridebart Cafraglutid verbindet einen Antikörper gegen den GIP-Rezeptor mit einem GLP-1-Peptid, soll nur einmal monatlich gespritzt werden und steckt noch in Phase 3.

Für alle Kandidaten gilt: Die Studien liefen ein bis zwei Jahre, Langzeitwirkungen auf Herz, Kreislauf und Stoffwechsel sind unbekannt. Seltene Nebenwirkungen zeigen sich oft erst nach der Zulassung. Schwangere, Stillende, Kinder und schwer Vorerkrankte waren ausgeschlossen. Welche Warnzeichen bei zugelassenen GLP-1-Wirkstoffen gelten, erklärt unser Artikel zu Warnzeichen unter GLP-1-Therapie; für die neuen Wirkstoffe ist Ähnliches zu erwarten, belegt ist es nicht.

Vorsicht bei Angeboten als Forschungspeptid

Wer nach Retatrutid oder CagriSema sucht, stößt im Internet schnell auf Shops, die diese Stoffe als „Forschungspeptide“ oder „nicht für den menschlichen Gebrauch“ anbieten, oft mit Dosieranleitung. Solche Produkte sind keine Arzneimittel: Niemand hat geprüft, ob die Ampulle den Stoff enthält, in welcher Menge, wie rein und ob steril. Die FDA hat Anbieter solcher Produkte mit Semaglutid, Tirzepatid, Retatrutid oder Survodutid abgemahnt und warnt vor dem Kauf; die MHRA spricht von ernsten Gesundheitsrisiken bei unregulierten Anbietern.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind GLP-1-Wirkstoffe verschreibungspflichtig; ein Wirkstoff ohne Zulassung darf nicht abgegeben werden, auch nicht „nur zu Forschungszwecken“. Mehr dazu am Beispiel BPC-157 in unserem Artikel Forschungspeptide sind keine Arzneimittel. Wer ein solches Produkt angewendet hat und starke Bauchschmerzen, anhaltendes Erbrechen oder eine Gelbfärbung der Haut bemerkt, sollte umgehend ärztliche Hilfe suchen, bei schweren Symptomen den Notruf.

Was Sie heute tun können

Die neuen Wirkstoffe sind kein Grund zu warten. Für Erwachsene mit einem BMI ab 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankung sind in der EU bereits GLP-1-Wirkstoffe zugelassen, darunter Semaglutid und Tirzepatid. Welche Voraussetzungen für eine Abnehmspritze gelten, haben wir gesondert beschrieben; zu den Nebenwirkungen informieren unsere Artikel zu Semaglutid und Tirzepatid.

Unabhängig von jedem Medikament bleiben Ernährung, Bewegung und Schlaf die Grundlage. Was nach dem Ende einer Behandlung geschieht, erklärt unser Artikel zum Absetzen der Abnehmspritze.

Ob eine Behandlung für Sie infrage kommt, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt nach Prüfung Ihrer Angaben. Bei Doctorcura erfolgt diese Prüfung im Bereich Gewichtsmanagement online per Fragebogen; ein Rezept gibt es nur bei erfüllten Voraussetzungen, die Lieferung übernimmt eine EU-Partnerapotheke.

Häufige Fragen

Ist Orforglipron in Deutschland erhältlich?

Nein. Im Oktober 2026 prüft die EMA den Antrag noch. Erst nach einem positiven CHMP-Votum und der Entscheidung der Europäischen Kommission kann der Wirkstoff in der EU verschrieben werden; die Zulassungen in den USA und Großbritannien gelten nur dort.

Wann kommen Retatrutid und CagriSema?

Das lässt sich seriös nicht vorhersagen. Für CagriSema läuft ein Verfahren in den USA, für Retatrutid war im Oktober 2026 kein Antrag bekannt, und für die EU stand für beide nichts auf der CHMP-Agenda. Nach einem Antrag dauert die Prüfung in der Regel viele Monate.

Kann ich Retatrutid über eine klinische Studie bekommen?

Nur, wenn Sie die Einschlusskriterien einer laufenden Studie erfüllen. Laufende Studien finden Sie in den Registern ClinicalTrials.gov und dem EU-Studienregister; sprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Was unterscheidet ein Forschungspeptid von einem Arzneimittel?

Ein Arzneimittel hat eine Prüfung von Wirksamkeit, Sicherheit und Herstellungsqualität durchlaufen und wird über Apotheken abgegeben. Ein als Forschungspeptid verkauftes Produkt nicht: Inhalt, Dosierung und Reinheit sind unbekannt, bei Problemen gibt es weder Haftung noch ärztliche Begleitung.

Quellen

  1. Agenda CHMP meeting 14-17 September 2026, Punkt 3.2.7 Orforglipron EMEA/H/C/006632, list of outstanding issues (Europäische Arzneimittelagentur EMA, September 2026)
  2. Orforglipron, an Oral Small-Molecule GLP-1 Receptor Agonist for Obesity Treatment (ATTAIN-1) (Wharton et al., New England Journal of Medicine, über PubMed, 16. September 2025)
  3. Orforglipron, an Oral Small-Molecule GLP-1 Receptor Agonist, in Early Type 2 Diabetes (ACHIEVE-1) (Rosenstock et al., New England Journal of Medicine, über PubMed, 21. Juni 2025)
  4. Coadministered Cagrilintide and Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (REDEFINE 1) (Garvey et al., New England Journal of Medicine, über PubMed, 22. Juni 2025)
  5. Retatrutide, a Triple Hormone Receptor Agonist, for Treatment of Obesity (TRIUMPH-1) (Jastreboff et al., New England Journal of Medicine, über PubMed, 29. September 2026)
  6. CagriSema demonstrated 23% weight loss in an open-label head-to-head REDEFINE 4 trial in people with obesity, the primary endpoint was not achieved (Herstellermitteilung Novo Nordisk, 23. Februar 2026)
  7. UK first in Europe to authorise orforglipron for weight management and type 2 diabetes (Medicines and Healthcare products Regulatory Agency MHRA, 10. August 2026)
  8. FDA’s Concerns with Unapproved GLP-1 Drugs Used for Weight Loss (US Food and Drug Administration, Stand 2026)
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Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt. Im Notfall wählen Sie den Notruf 112 (Schweiz: 144).

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